Barrierefreiheit im Onlineshop: Was das BFSG verlangt und wie du es in Shopify umsetzt
Seit 28. Juni 2025 Pflicht: was das BFSG von Onlineshops verlangt, wer ausgenommen ist, wer prüft und wie du deinen Shopify-Shop selbst testest. Mit Prüfliste.

Jason Spizert
Aktualisiert am 21. Oktober 2026
Veröffentlicht ca. 7 Min.
Die kurze Antwort
Seit dem 28. Juni 2025 müssen Onlineshops, die an Verbraucher verkaufen, barrierefrei sein (§ 1 Abs. 3 Nr. 5 und § 3 BFSG). Ausgenommen sind Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Bilanzsumme sowie reine B2B-Shops. Maßstab in der Praxis sind die EN 301 549 und die WCAG 2.1 Stufe AA, dazu kommt eine Barrierefreiheitserklärung. In Shopify bringt ein gutes Theme die Grundlage mit, Kontraste, Alt-Texte, Formulare, Apps und die Erklärung liegen bei dir. Ein Accessibility-Widget ersetzt das nicht.
Was verlangt das BFSG von Onlineshops?
Es verlangt, dass Menschen mit Behinderungen deinen Shop ohne fremde Hilfe nutzen können, vom ersten Produkt bis zur Zahlung. So steht es in § 3 Abs. 1 BFSG: Ein Angebot ist barrierefrei, wenn es „in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar“ ist.
Das Gesetz setzt die EU-Richtlinie 2019/882 um, den European Accessibility Act. Alle Mitgliedstaaten wenden die Regeln seit dem 28. Juni 2025 an (Art. 31 Abs. 2), in Deutschland ist das BFSG an diesem Tag in Kraft getreten. Onlineshops fallen darunter als „Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr“ (§ 1 Abs. 3 Nr. 5 BFSG), also Angebote über Website oder App, die auf Anfrage eines Verbrauchers zu einem Vertrag führen (§ 2 Nr. 26): Warenkorb, Kasse, Terminbuchung.

Was „barrierefrei“ konkret heißt, regelt die Verordnung zum BFSG (BFSGV). § 12 verlangt Websites, die „wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust“ sind: Informationen über mehr als einen Sinneskanal, ausreichender Kontrast, Textalternativen für Bilder. § 19 ergänzt für den Onlinehandel, dass Anmelde-, Sicherheits- und Zahlungsfunktionen barrierefrei sein müssen und dass du Angaben zur Barrierefreiheit deiner Produkte weitergibst, soweit der Hersteller sie liefert.
Wichtig vorab: Dieser Beitrag ordnet die Rechtslage ein, er ist keine Rechtsberatung. Ob dein Unternehmen unter das Gesetz fällt und was in deiner Erklärung stehen muss, klärst du mit einer Kanzlei für IT-Recht oder deinem Rechtstexte-Anbieter.
Gilt das BFSG für meinen Shop?
Ja, wenn Verbraucher bei dir online kaufen können und du kein Kleinstunternehmen bist. Drei Fragen reichen für eine erste Richtung.
Kleinstunternehmen. § 3 Abs. 3 BFSG nimmt Kleinstunternehmen aus, die Dienstleistungen anbieten, und ein Shop ist eine Dienstleistung. Was das nach § 2 Nr. 17 heißt, zeigen zwei Beispiele:
Verkaufst du Geräte, die das Gesetz selbst nennt, etwa Computer, Smartphones oder E-Book-Reader (§ 1 Abs. 2), müssen diese Geräte trotzdem barrierefrei sein, so die FAQ der Bundesfachstelle. B2B: Shops, die ausschließlich an Unternehmen verkaufen, „sollten also nicht vom BFSG betroffen sein“, schreibt die Bundesfachstelle. Laut IT-Recht Kanzlei muss das beim Aufruf erkennbar sein, sonst gilt der Shop als Angebot an alle.
Wer prüft das, und drohen Bußgelder oder Abmahnungen?
Geprüft wird von der Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen (MLBF) in Magdeburg. Sie ist die gemeinsame Behörde aller 16 Bundesländer und arbeitet seit Inkrafttreten des Staatsvertrags am 26. September 2025. Ihre Strategie für Dienstleistungen (Stand 8. Januar 2026) zeigt, wie sie vorgeht.
Die Sorge vieler Händler gilt aber weniger der Behörde als den Abmahnungen.
„Da fragt man sich halt, ab wann man abgemahnt wird und ab wann man Bußgeld blechen muss ..“Shopbetreiber, Shopware-Forum, Juli 2025
Bekannt geworden ist vor allem eine Welle im August 2025: Die CLAIM Rechtsanwalts GmbH schrieb im Auftrag eines Webdienstleisters Shopbetreiber an und bot einen Vergleich über 595 Euro an, ohne zu benennen, welche Stelle gegen welche Pflicht verstößt.
Die IT-Recht Kanzlei hält diese Schreiben für unberechtigt, unter anderem weil ein Webdienstleister kein Mitbewerber eines Händlers ist.
Ob echte Mitbewerber oder Verbände BFSG-Verstöße nach dem Wettbewerbsrecht abmahnen können, halten mehrere Kanzleien für naheliegend. Ein veröffentlichtes Urteil dazu haben wir bis zum 21. Oktober 2026 nicht gefunden. Kommt ein Schreiben: nicht ungeprüft zahlen, sondern einer Kanzlei vorlegen.
Was bringt ein Shopify-Theme schon mit?
Eine solide Grundlage, aber keinen Nachweis. Themes im Shopify Theme Store müssen laut Shopify einen durchschnittlichen Lighthouse-Barrierefreiheitswert von mindestens 90 erreichen, gemessen auf Start-, Kategorie- und Produktseite, mobil und am Desktop. Dazu kommen feste Regeln: alles per Tastatur bedienbar, sichtbarer Fokus, alt-Attribut an jedem Bild, beschriftete Formularfelder, Kontrast von 4,5:1 für Fließtext.
Für den Checkout verweist Shopify auf einen Konformitätsbericht nach WCAG 2.2 Stufe A und AA. Gleichzeitig schreibt Shopify, dass Händler die volle Kontrolle über ihren Theme-Code haben und die eigenen Empfehlungen allein keinen vollständig barrierefreien Shop garantieren. Das Theme ist der Rohbau, was du darauf baust, liegt bei dir.
| Bereich | Bringt ein Theme-Store-Theme mit | Liegt bei dir |
|---|---|---|
| Farben | Standardfarben mit geprüftem Kontrast | Jede Farbe, die du im Theme-Editor änderst, und Text auf Fotos oder Bannern |
| Bilder | Gibt den Alt-Text aus, den du hinterlegst | Den Alt-Text selbst, für jedes Produktbild im Shopify-Admin |
| Tastatur und Fokus | Menüs per Tastatur, sichtbarer Fokusrahmen | Code-Anpassungen, die den Fokus entfernen oder Menüs umbauen |
| Formulare | Beschriftete Felder im Theme | Pop-ups, Newsletter- und Kontaktformulare aus Apps |
| Apps | Nichts, sie laufen außerhalb der Theme-Prüfung | Bewertungen, Chat, Cookie-Banner, Filter: jede App bringt eigenen Code mit |
| Checkout | Shopify-Checkout mit Bericht nach WCAG 2.2 AA | Zusätze über Checkout-Erweiterungen und Zahlungs-Apps |
| Erklärung | Nichts | Die Barrierefreiheitserklärung nach Anlage 3 BFSG |
Apps sind dabei der blinde Fleck. Das BFSG nimmt Inhalte Dritter nur aus, wenn du sie weder finanzierst noch entwickelst noch kontrollierst (§ 1 Abs. 4 Nr. 4). Eine App, die du installierst und bezahlst, gehört nach Lesart der IT-Recht Kanzlei zu deinem Shop, ausdrücklich auch ein Cookie-Banner. Welche Apps sich überhaupt lohnen, steht in Shopify-Apps: Welche ein Shop wirklich braucht.
Ein eigenes Design ist nicht automatisch barrierefreier als ein gekauftes Theme. Es kommt darauf an, ob Kontrast, Tastatur und Fokus schon im Entwurf geprüft werden. Wann sich welcher Weg lohnt, steht in Shopify-Theme oder eigenes Design.
Wo scheitern Shops am häufigsten?
An Kontrast, Alt-Texten und Formularbeschriftungen. Das zeigt die jährliche Auswertung von WebAIM, die im Februar 2026 die Startseiten von einer Million Websites automatisch geprüft hat.
Ein Knopf, der nur aus einem Warenkorb-Symbol besteht, klingt im Screenreader wie „Schaltfläche“. Ob er in den Warenkorb legt oder ihn öffnet, erfährt der Kunde nicht. Und wie leicht man trotz gutem Wert danebenliegt, zeigt ein typischer Befund:
Feine graue Schrift wirkt edel, und genau deshalb ist sie die häufigste Lücke. Lesbare Preise und klare Beschriftungen helfen übrigens jedem Käufer, nicht nur dem mit Einschränkung. Warum schon kleine Hürden zählen, steht in Deine Conversion Rate liegt bei 1 %. Ist das schlecht?.
Reicht ein Accessibility-Widget oder Overlay?
Nein. Ein Widget ist ein Skript, das sich über die fertige Seite legt und Schalter für Schriftgröße, Kontrast oder Vorlesen anbietet. Es kann nicht zuverlässig wissen, was auf einem Produktbild zu sehen ist, welche Variante ein unbeschrifteter Knopf auswählt oder warum ein Formularfeld einen Fehler meldet. Diese Informationen fehlen im Theme und in deinen Inhalten, und dort muss man sie nachtragen.
Wer auf einen Screenreader oder eine Vergrößerung angewiesen ist, bringt seine eigenen Werkzeuge mit. Ein zusätzliches Menü hilft ihm nicht, wenn der Weg zur Kasse an einem unbeschrifteten Button hängt. Und die Behörde prüft nach Anlage 1 genau diesen Weg mit Hilfstechnologien, nicht die Werkzeugleiste.
FTC gegen accessiBe, 2025
Ein Overlay-Anbieter musste 1 Million US-Dollar zahlen. Er hatte versprochen, sein Tool mache jede Website WCAG-konform. Laut FTC schaffte es das nicht bei allen Nutzer-Websites.
Federal Trade Commission, Pressemitteilung vom 03.01.2025
Solche Behauptungen darf accessiBe nur noch mit Beleg aufstellen. Ein Widget ist also kein Verbot, aber auch kein Ersatz: Wer es als Zusatz anbietet, muss den Shop darunter trotzdem in Ordnung bringen.
Wie prüfst du deinen Shop selbst?
In drei Schritten: automatisch testen, von Hand durchklicken, die Erklärung schreiben. Der erste Schritt findet nur einen Teil, das schreibt Lighthouse selbst in jeden Bericht.
„Muss der Shop denn zu 100% Barrierefrei sein - sprich einen Score von 100% haben ?“Shopbetreiber, Shopware-Forum, Mai 2025
„Wir haben z.B. auf Pagespeed Mobil und Desktop: 96. Wir haben hier noch einiges am Theme und Content zu verbessern, also der Wert spiegeln nicht das wieder was wir noch abzuarbeiten haben.“Shopbetreiber, Shopware-Forum, Mai 2025
Der Score ist also ein Startpunkt. Den zweiten Schritt machst du mit dieser Liste, am besten an Startseite, Kategorie, Produktseite, Warenkorb und Checkout.

Wer es genauer wissen will, schaltet danach einen Screenreader ein, unter Windows etwa das kostenlose NVDA, auf Mac und iPhone das eingebaute VoiceOver, und kauft ein Produkt, ohne auf den Bildschirm zu schauen. Für die Erklärung gilt: Ehrlich ist besser als glatt, was noch nicht passt, gehört mit einem Plan hinein. Verlinke sie von jeder Seite, zum Beispiel im Footer.

Steht ein Relaunch deines Shops an oder lässt du gerade einen neuen Shop erstellen, gehört Barrierefreiheit ins Pflichtenheft. Nachträglich wird es teurer, weil Farben, Komponenten und Apps dann schon stehen.
Klare Beschriftungen, lesbare Preise und verständliche Fehlermeldungen gehören deshalb auch in jede Conversion-Optimierung. Seit Juni 2026 neu im Pflichtenheft ist außerdem der Widerrufsbutton im Onlineshop. Wo dein Shop sonst Käufer verliert, zeigt dir unser kostenloser Shop-Check.
Ein guter Score ist der Anfang. Barrierefrei ist dein Shop erst, wenn jemand nur mit Tastatur oder Screenreader bis zur Bestellbestätigung kommt.
Häufige Fragen
Seit dem 28. Juni 2025. An diesem Tag ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft getreten, zusammen mit der Verordnung BFSGV. Eine allgemeine Übergangsfrist für Shop-Oberflächen gibt es nach überwiegender Lesart nicht.
Nicht für Kleinstunternehmen: weniger als 10 Beschäftigte und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme (§ 3 Abs. 3 und § 2 Nr. 17 BFSG). Wer eine der Grenzen überschreitet, muss den Shop barrierefrei gestalten.
Nein, wenn er klar erkennbar nur an Unternehmen verkauft. Das BFSG gilt für Dienstleistungen gegenüber Verbrauchern, die Bundesfachstelle Barrierefreiheit sieht reine B2B-Angebote deshalb nicht als betroffen.
Laut Anlage 3 BFSG eine allgemeine Beschreibung des Angebots in barrierefreiem Format, Erläuterungen zur Nutzung, eine Beschreibung, wie der Shop die Anforderungen erfüllt, und die zuständige Marktüberwachungsbehörde. Sie steht in den AGB oder an einer anderen deutlich wahrnehmbaren Stelle.
Zuerst fordert die Marktüberwachung zur Korrektur mit Frist auf, im letzten Schritt kann sie das Angebot untersagen. Daneben sind Bußgelder bis 100.000 Euro möglich, bei Informations- und Auskunftsverstößen bis 10.000 Euro (§ 37 BFSG).
Nein. Lighthouse prüft nur, was sich automatisch erkennen lässt, und schreibt das in jeden Bericht. Ob ein Kauf per Tastatur oder Screenreader klappt, zeigt erst ein Test von Hand.
Nein. Ein Widget legt sich über die fertige Seite, es ersetzt keine sauberen Beschriftungen, Alt-Texte und Tastaturwege im Theme. Die US-Handelsbehörde FTC hat einem Anbieter 2025 verboten, ohne Beleg zu behaupten, sein Tool mache jede Website WCAG-konform.
Die Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen (MLBF) in Magdeburg, seit dem 26. September 2025. Sie prüft stichprobenartig, mit automatisierten Vorprüfungen und auf Antrag von Verbrauchern oder Verbänden.










